Dreiundzwanzig Bilder in der Wohnung Ihrer Eltern, und in zwei Wochen kommt die Entrümpelung. Das Aufschlussreichste an einem davon ist vielleicht ein vergilbter Aufkleber auf der Rückseite, und genau der landet beim Aufräumen zuerst im Müll. Wie teuer das werden kann, zeigt ein Fall aus einem Erbstreit: Zwei Gemälde aus einem Nachlass bewertete ein Gerichtsgutachter mit null Euro, weil ihre Echtheit nicht geklärt war. Quelle: Erbfinanz - Pflicht bei Kunst und Wertgegenständen
Die meisten Fehler bei geerbter Kunst entstehen nicht aus Unwissen über Kunst. Sie entstehen, weil in kurzer Zeit viele Entscheidungen fallen: was bleibt, was geht, was geputzt wird, wer sich das ansieht. Dieser Artikel behandelt drei Punkte, die in dieser Phase den Unterschied machen.
Das Wichtigste in Kürze
Wer Gemälde geerbt hat, sollte zuerst nichts reinigen, entrahmen oder entsorgen. Vorder- und Rückseite fotografieren, Aufkleber, Stempel und Notizen erhalten. Dann den Bestand sichten lassen, bevor einzelne Bilder geschätzt oder verkauft werden. In einer Erbengemeinschaft sollten Veränderungen und Verkäufe abgestimmt sein.
1. Die Rückseite zuerst – bevor aufgeräumt wird
Wer ein Bild betrachtet, schaut auf das Motiv. Wer ein Bild einordnen will, dreht es um.
Auf Rückseiten finden sich Dinge, die kein Motiv verrät: Galerie- und Ausstellungsetiketten, Stempel von Rahmenmachern oder Leinwandhändlern, Inventarnummern, Zoll- oder Transportmarken, handschriftliche Titel, Widmungen, alte Adressen. Auch der Keilrahmen selbst, die Art der Leinwand und die Befestigung sagen etwas über Alter und Herkunft. Manchmal ist der Rahmen älter oder wertvoller als das Bild darin.
Das Problem: Genau diese Spuren sind empfindlich. Ein Etikett löst sich beim Entrahmen. Eine Bleistiftnotiz verschwindet beim Abwischen. Ein „hässlicher alter Rahmen“ wird entsorgt, bevor jemand fragt, ob er zum Bild gehört. Und ein zerrissener Aufkleber lässt sich nicht mehr lesen, auch nicht von einer Fachfrau.
Deshalb: Bilder so lassen, wie sie sind. Nicht abstauben, nicht entrahmen, nicht „nur mal kurz“ mit einem feuchten Tuch über die Oberfläche gehen. Vorder- und Rückseite fotografieren, bevor irgendetwas bewegt wird. Das kostet zehn Minuten und kann später die entscheidende Information sein.
2. Nicht jedes Bild braucht ein Gutachten – aber jedes eine Einordnung
Bei einem großen Nachlass liegt die Versuchung nahe, entweder alles schätzen zu lassen oder gar nichts. Beides ist selten sinnvoll.
Ein vollständiges Gutachten für jedes Bild kostet Geld und Zeit, und bei der Mehrzahl der Werke eines normalen Haushalts steht der Aufwand in keinem Verhältnis. Umgekehrt ist das Risiko bei „gar nichts“, dass das eine relevante Bild zusammen mit neunzehn Dekorationsbildern beim Händler oder im Container landet.
Sinnvoller ist eine Reihenfolge: zuerst sichten und sortieren, dann gezielt nur für die Werke weitergehen, bei denen es sich lohnt. Die Frage lautet am Anfang nicht „Was ist jedes Bild wert?“, sondern „Welche Bilder brauchen überhaupt eine genauere Betrachtung?“
Drei Signale, dass ein Bild genauer angesehen werden sollte
Es trägt Spuren einer Geschichte. Etiketten, Stempel, Nummern oder Beschriftungen auf der Rückseite deuten darauf hin, dass das Bild einmal gehandelt, ausgestellt, versichert oder transportiert wurde.
Es ist tatsächlich gemalt. Viele Wandbilder in Haushalten sind Drucke, manche davon nachträglich mit Pinselstrichen überarbeitet. Ob Original oder Reproduktion, ist mit bloßem Auge nicht immer sicher zu erkennen.
Sein Zustand verändert sich. Abstehende Farbschollen, Risse mit aufgewölbten Rändern, weißliche Beläge oder eine sich verziehende Leinwand sind keine Schönheitsfehler. Sie zeigen, dass das Bild gerade Substanz verliert.
Diese Signale helfen beim Vorsortieren. Sie ersetzen aber keine Beurteilung. Ein unscheinbares Bild ohne Rückseitenspuren kann bedeutend sein, und ein aufwendig gerahmtes Ölbild mit Signatur ist manchmal eine gut gemachte Dekoration.
Wer bei den eigenen Bildern selbst genauer hinsehen möchte – was normale Alterung ist, was ein Warnzeichen, und wo man besser die Finger davon lässt –, findet das in meinem E-Book ausführlicher erklärt.
3. Einschätzung, Zustand, Marktwert: drei verschiedene Fragen
„Lassen Sie das mal schätzen“ klingt nach einer einzigen Frage. Tatsächlich stecken drei darin, und sie werden oft von unterschiedlichen Fachleuten beantwortet:
Was ist das? Technik, Alter, Material, Herkunft und gegebenenfalls die Frage nach dem Künstler. Manchmal lässt sich das am Objekt klären, manchmal braucht es Provenienzforschung oder einen Spezialisten für ein bestimmtes Werk.
In welchem Zustand ist es? Ist die Malschicht stabil, gab es frühere Restaurierungen oder Übermalungen, besteht ein Risiko für weitere Schäden? Das ist Sache einer Restauratorin. Der Zustand beeinflusst den Wert erheblich, und nicht jede Restaurierung vor einem Verkauf ist sinnvoll.
Was ist es am Markt wert? Das hängt von der Zuschreibung, dem Zustand, der aktuellen Nachfrage und dem Verkaufsweg ab. Hier sind Auktionshäuser und auf den Markt spezialisierte Sachverständige gefragt.
Warum „kostenlos geschätzt“ nicht dasselbe ist wie unabhängig
Viele Auktionshäuser bieten kostenlose Schätzungen an, und das kann ein guter Weg sein. Man sollte nur wissen, was man bekommt: Auktionshäuser schätzen häufig kostenlos, haben dabei aber ein eigenes Interesse an der Einlieferung. Die Schätzung dient also auch der Frage, ob sich das Bild für eine Auktion eignet. Das ist legitim, aber es ist eine andere Frage als „Was habe ich hier eigentlich, und was sollte ich als Nächstes tun?“ erbfinanz
Wer zuerst unabhängig klären lässt, welche Werke relevant sind und in welchem Zustand sie sich befinden, geht anschließend mit besseren Fragen zum richtigen Ansprechpartner.
Unsicher, wo Sie anfangen sollen? Senden Sie mir Fotos von Vorder- und Rückseite. [Mail: info@restaurierungsatelier-wojdan.de ]
Wann Sie nicht warten sollten
Manche Situationen vertragen keine Wochen:
lose oder abblätternde Farbe, besonders wenn schon Farbpartikel am Rahmen oder auf dem Boden liegen Schimmel, muffiger Geruch oder weiße Beläge Wasserschaden, auch wenn das Bild inzwischen trocken wirkt Lagerung in Keller, Garage oder unbeheiztem Dachboden
Stellen Sie solche Bilder in einen normal temperierten Raum, aufrecht und ohne dass etwas die Oberfläche berührt. Verpacken Sie sie nicht luftdicht in Folie, weil sich darin Feuchtigkeit sammeln kann. Und versuchen Sie nicht, lose Stellen anzudrücken oder anzukleben.
Was eine fachliche Sichtung klärt – und was nicht
Bei einer Sichtung gehe ich den Bestand durch, ob fünf Bilder oder fünfzig, im Atelier in Köln oder vor Ort in NRW. Am Ende steht keine Preisliste, sondern eine Ordnung:
welche Werke unproblematisch sind welche genauer untersucht werden sollten welche konservatorisch gesichert werden müssen welcher nächste Schritt für welches Werk sinnvoll ist
Wo eine Frage über meinen Fachbereich hinausgeht, etwa bei einer Zuschreibung an einen bestimmten Künstler oder einer Marktbewertung, sage ich das. Dann empfehle ich, wer dafür die richtige Adresse ist: ein spezialisiertes Auktionshaus, ein Werkverzeichnis, eine Provenienzforscherin. Als Diplom-Restauratorin und zertifizierte Sachverständige habe ich kein Interesse daran, dass ein Bild verkauft, eingeliefert oder restauriert wird. Das Einzige, was ich Ihnen verkaufe, ist Klarheit.
Häufige Fragen
Muss jedes geerbte Bild geschätzt werden?
Nein. Sinnvoll ist, zuerst zu sichten, welche Werke überhaupt eine genauere Betrachtung brauchen. Für den Großteil eines üblichen Haushalts genügt eine Einordnung.
Welche Fotos brauche ich für eine Ersteinschätzung?
Eine Gesamtansicht der Vorderseite, die komplette Rückseite, die Signatur (falls vorhanden), Nahaufnahmen von Schäden und alle Etiketten oder Beschriftungen. Dazu die ungefähren Maße.
Was kostet eine erste Einschätzung?
[z. B.: Die Ersteinschätzung anhand von Fotos ist unverbindlich. Eine Sichtung vor Ort oder im Atelier wird vorab zum Festpreis vereinbart.]
Soll ich ein Bild vor dem Verkauf restaurieren lassen?
Das hängt vom Werk, vom Schaden und vom Verkaufsweg ab. Manchmal steigert eine Restaurierung den Erlös, manchmal ist es besser, ein Bild im Originalzustand anzubieten. Das sollte vorher geklärt werden, nicht danach.
Kann man ein beschädigtes Gemälde verkaufen?
Ja, aber der Zustand beeinflusst den Preis. Ein dokumentierter Zustand schafft Vertrauen bei Käufern und Auktionshäusern.
Darf ich als Miterbe allein über ein Bild entscheiden?
In einer Erbengemeinschaft sollten Verkauf und Veränderungen, auch eine Restaurierung, mit allen Beteiligten abgestimmt sein. Im Zweifel hilft ein Anwalt für Erbrecht.
Sie haben Gemälde oder eine Kunstsammlung geerbt und wissen nicht, womit Sie anfangen sollen? Eine fachliche Sichtung klärt zunächst, welche Werke überhaupt Aufmerksamkeit brauchen – und welche nicht.
Fachliche Sichtung und Ersteinschätzung in Köln und NRW anfragen
Mail: info@restaurierungsatelier-wojdan.de